Pitchen, Chippen und Putten - auch für Anfänger

Sanft fügt sich der Chiemsee Golf-Club auf dem Priener Bauernberg in die Chiemgauer Landschaft ein. Die Aufsitzmäher haben weiche Konturen in den Rasen gemalt, im Hintergrund wacht die Kampenwand über die Idylle in Grün. Eigentlich könnte ich diesen Anblick einfach nur genießen, über den etwa 50 Hektar großen 18-Loch-Platz schlendern und die Vögel im alten Baumbestand beobachten, aber ich habe eine Aufgabe und die lautet: Golf spielen. Wobei das reine Selbstüberschätzung wäre. Ich bin am Platz, um herauszufinden, was Golfspielen ausmacht und warum Menschen wie der Fußballer Thomas Müller begeistert davon sprechen, dass „Golfspielen wie ein Virus wirkt, den man so schnell nicht wieder los wird“. Bei diesem Versuch unterstützt mich der Golftrainer Ralf Dreher. Er bringt genau die richtige Mischung aus Motivationskraft und Gelassenheit mit, um mir die Anfangsnervosität zu nehmen.

 

Entspannte Pendelbewegung

Er zeigt mir, wie man den Schläger richtig hält, erklärt, warum die Ausgangsposition am wirkungsvollsten ist, wenn man die Beine schulterbreit öffnet, Knie und Oberkörper leicht beugt und sich dabei entspannt. Das fühlt sich für mich zwar alles andere als entspannend an, hilft aber, die Arme beim Abschlag wie ein Pendel schwingen zu lassen. Denn die Bewegung, erfahre ich, kommt nicht aus den Händen, sondern aus den Schultern und wird von einer Drehung der Hüfte und des Oberkörpers unterstützt. Das verstärkt die Rotationsenergie, die sich dann im Treffmoment als kinetische Energie auf den Ball überträgt.

 

Konzentrierte Kopfarbeit

Um den Ball in eine Richtung zu schlagen, muss man alles auf das Ziel hin konzentrieren: die Position des Schlägerkopfs, die Stellung der Füße, die Pendelbewegung der Arme und nicht zuletzt die eigene Energie. Golfen, so lautet meine erste Lernerfahrung, ist ein Spiel, das nicht nur den Körper, sondern vor allem auch den Kopf fordert. Für Ralf Dreher, der in seinem Leben so ziemlich alle Sportarten ausprobiert hat, ist es der anspruchvollste Sport überhaupt. Denn Golf vereint für ihn die Beweglichkeit und das Körpergefühl des Tanzens mit der Präzision des Schießsports und der Taktik des Schachspiels. In Punkto Schießen und Schach muss ich passen, aber beim Tanzen bringe ich einige Erfahrung mit und so versuche ich mich an meinen ersten Abschlag. Statt Hunderte Meter weit zu fliegen, ploppt mein Ball in kurzer Entfernung auf. Ralf Dreher korrigiert meine Stellung und meinen Bewegungsablauf, schärft mir ein, mich komplett auf diese kleine weiße Kugel einzulassen, und beim fünften Versuch ist es soweit: Mein Ball fliegt. Nicht wirklich weit. Aber er beschreibt einen Bogen in der Luft – für mich in diesem Augenblick den schönsten Bogen überhaupt.

 

Beeindruckende Ball-Geschwindigkeit

Motiviert gehe ich zu den kürzeren Schlägen über. Dafür erhalte ich einen anderen Schläger. „Bis zu 14 darf man bei einem Turnier mitnehmen“, erklärt Dreher. Sie unterscheiden sich in Länge, Neigung und in der Form des Schlägerkopfes, was wiederum Auswirkungen auf die Länge und Geschwindigkeit des Schlages hat. Ein Ball beschleunigt auf bis zu 200, bei Profis wie Tiger Woods sogar bis zu 300 Stundenkilometern. Um nicht von so einem fliegenden Geschoss getroffen zu werden, gibt es auf dem Platz klare Regeln sowie die Platzreife, die Anfänger erst erwerben müssen.

 

Pitch, Put und Lob

Ich versuche, den Ball in hohem Bogen näher an die Fahne zu schlagen (Pitch) und dann sanft zu touchieren, damit er möglichst nah ans Loch rollt. Bevor ich ihn allerdings ins Loch einputten kann, brauche ich etliche Versuche. Aber mein Trainer hat Geduld und mich stört es nicht, denn beim Sport gilt das Sprichwort: „Übung macht den Meister“. Ich übe weiter, allein schon um den kurzen Schlag mit extrem steiler Flugkurve hinzubekommen. Der heißt nämlich „Lob“ – was mir für den Start in eine neue Sportart extrem gut gefällt.
Raphaela Kreitmeir in LUDWIG Juni 2017