„Etwas Besseres als den Chiemgau findest Du kaum auf der Welt"

Du hast bald Geburtstag. Wie ist das, wenn man als DJ älter wird, wie entwickelt sich das Bedürfnis, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen? Bist Du „Still on fire“?

Diese Frage stellt sich für mich kaum, ich bin seit Jahrzehnten involviert in die DJ Kultur und Musikkultur in Deutschland und habe diese auch in einem gewissen Grade mitentwickelt, u.a. mit meinem Label International Gigolo Records. Mit Elektroclash habe ich sogar ein eigenes Genre erfunden. Es geht nicht um das „Nächte um die Ohren schlagen“, sondern das Ganze ist einfach eine große Herausforderung: Ich bereite mich ja auf meine Sets, auf meine Performances vor. Ich überlege mir: Was ziehe ich an, was spiele ich, welches Publikum erwartet mich. Mein Vorteil ist, dass ich nicht rauche oder trinke, insofern fällt das Alter kaum auf mich zurück. Somit bin ich hoffentlich in der Lage, wie Bernie Ecclestone bis Mitte 80 weiterzumachen. Mich wundert eher, wie die Politiker das schaffen: Die haben nur drei oder vier Stunden Schlaf und sind auch am Wochenende immer voll im Einsatz. Und das ist dann kein 8-Stundentag sondern 16 Stunden und das über Jahre! Ich denke mir immer, das würde ich nicht aushalten, dann bin ich lieber DJ.


Das Magazin Groove meint, dass „kein Star-DJ so abgefahrene Ideen hat wie Hell, niemand sich so unmittelbar und ungebrochen verwirklicht“. Wie schlägst du den Bogen zwischen kommerziellem Erfolgsdruck und künstlerischem Schaffen?

Ich sehe das nur von der künstlerischen Seite und habe mich nie mit dem Gedanken beschäftigt, ob sich das dann auch rechnet. Ich wusste schon damals, als es noch brotlose Kunst war, dass es, wenn ich keinen Kompromiss eingehe, irgendwann erfolgreich sein wird.

Ist „Zukunftsmusik“ ganz bewusst unkonventionell? Denn die Tracks lassen sich schwer einordnen, sie gleichen nichts von dem, was man von dir zu kennen glaubt.

Ich kann es selber kaum einordnen. Ich habe auch noch keinen Namen für die Musik. Die Süddeutsche Zeitung hat kürzlich geschrieben, ich mache Yoga-Techno. Neulich hat mir der P1 Türsteher erzählt, dass seine Freundin in ihrem Yoga Studio immer meinen Mantra Song bei den Yogastunden laufen lässt. Erst habe ich mich gewundert, aber warum nicht! Vor allem ging es mir bei dem neuen Album darum, keine Erwartungshaltungen zu erfüllen und einfach Neuland zu betreten.

Beim G20-Gipfel in Hamburg haben Demonstranten den Slogan „Welcome to hell" verbreitet. Gemeint warst nicht du damit, sondern die globale Entwicklung der Menschenrechte. Dein aktuelles Album lässt erahnen, dass dich dieses Thema intensiv beschäftigt. Welchen Standpunkt, welche Sichtweise vertrittst du?

In punkto Menschenrechte unterstütze ich seit längerer Zeit die Organisation Femen. Zudem setze ich mich seit vielen Jahren für die Rechte von Schwulen und Lesben ein: Die ganze Club- und DJ Kultur stammt schließlich ursprünglich aus dem Schwulenmilieu.

 

Tracks wie „Wir reiten durch die Nacht" muten innerhalb ihres graziösen Rahmens fast schon gruselig erschaudernd an. Was ist der Hintergrund dazu?

Musikalisch ist es natürlich eine Weiterentwicklung von
„Kraftwerk“. Ich habe mich sehr intensiv mit Sounddesign, Soundstruktur und Arrangement beschäftigt und versucht, dort wo „Kraftwerk“ aufgehört hat weiterzudenken – teilweise mit denselben Gerätschaften. Auch „Car Car Car“ ist sehr von „Kraftwerk“ beeinflusst. Dieser Prozess hat auch dazu geführt, dass ich zum ersten Mal eigene Texte schreibe - das habe ich zuvor noch nicht gemacht.

 

Es macht den Anschein, als ob dich dabei auch Ängste beschäftigen und du dir eben, gemäß dem Albumstitel, viele Gedanken über die Zukunft machst?

Na hoffentlich – es wäre ja traurig, wenn es nicht so wäre.

 

Was würdest du jungen Leuten sagen, die sich für deinen Job interessieren?

Der erste Gedanke ist immer: Nicht schon wieder ein DJ! Es liegt aber auf der Hand: Wenn du Superstars wie David Guetta siehst, die Millionenerfolge haben und weltweit bekannt sind und du per USB Stick selbst schnell zum DJ werden kannst... Da muss man sich nicht wundern, was in den Köpfen der jungen Leute vorgeht. Ich würde sagen, die Liebe zur Musik ist wichtig, alles Weitere sieht man dann schon! Es dauert natürlich Jahre, um wirklich fundierte Erfahrungen zu sammeln. Dennoch würde ich aber letztlich niemandem davon abraten. Vielleicht kommt ein neuer Jeff Mills dabei heraus? Mich hat es immer fasziniert, wenn ich gesehen habe, dass die Leute dem DJ vertrauen und ihm aus der Hand fressen - dieses Vertrauen zu bekommen, teilweise bevor du mit deinem Set loslegst, das musst du dir erarbeiten und das dauert Jahre. Wenn du heutzutage einen Hit hast, dann bekommst du sofort weltweite Bookings. Mir wäre das viel zu schnell gegangen, ich habe 10 bis 15 Jahre gebraucht bis zu meinem ersten internationalen Booking. Ich hätte mir damals nie vorstellen können, z.B. in Paris zu spielen.

 

Von Paris zurück in deine Heimat: Am 15. August spielst du ein Heimspiel für einen guten Zweck und zwar bei der Dance&Donate Charity-Party am Chiemgauer Tüttensee bei Grabenstätt. Das Ganze ist zugunsten der Kinderkrebshilfe Traunstein-BGL und du hast sofort zugesagt, auf deine Gage zu verzichten. Was verbindet dich mit der Location?

Wir haben vor langer Zeit selbst einmal Tüttensee-Parties gemacht. Das war eine lustige Zeit, es wurde sehr viel dekoriert damit alles gut aussieht und damals haben wir gesagt, wir laden von den Erlösen alle Beteiligten und Freunde zum Essen ein. Das war noch vor der legendären Zeit mit der Villa in Traunstein.

Wo siehst du deine eigene Zukunft? In München, in deiner Wohnung? In dem Hotelzimmer in Berlin, das seit Jahren deine Bleibe in der Hauptstadt ist? Oder in dem Häuschen im Chiemgau, in dem du umgeben bist von Äckern, Wald und kleinen Badeseen...?
Im Sommer bin ich immer mehr hier – wenn es in der Großstadt zu heiß ist, halte ich es dort nicht aus - weder in Berlin, noch in München. Da bin ich dann lieber im Chiemgau und gehe in einen schönen Biergarten oder zum Baden - z.B. auch oft an den Tüttensee. Hier kann ich richtig herunterfahren und meine Akkus wieder aufladen. Etwas Besseres als den Chiemgau wirst du schwer finden auf der ganzen Welt.

 

Hell gilt als der DJ-Star des Techno und als extravagantes Multi-Talent, denn er ist nicht nur DJ, sondern hat sich auch als Produzent, Verleger und Betreiber des Labels „Gigolo“ sowie als Modeschöpfer und Designer einen Namen gemacht. Sein bürgerlicher Name lautet Helmut Josef Geier. Und als solcher ist er hier in der Region aufgewachsen und hat in der Stiege und im Libella aufgelegt, bevor er nach München, New York und Berlin weiterzog. Sein neues Album „Zukunftsmusik“ erschien vor kurzem bei International Deejay Gigolo Records.