In unserer Rubrik "Köpfe" im LUDWIG-Talk: 

Ein Gespräch mit Josef Hader über seinen neuen Film ,,Wilde Maus", die Angst vorm Älterwerden, über Schauspielkunst, Komik und darüber, was Erfolg mit einem macht...

 

In Ihrem neuen Film „Wilde Maus“ schrieben Sie das Drehbuch, führten Regie und spielten die Hauptrolle. Mögen Sie Herausforderungen?

Ich mag zumindest, wenn´s nicht fad ist. Wenn man schon Künstler ist, dann darf man sich und das Publikum nicht langweilen. Künstlerisch bin ich sicher mutiger als privat, da würde ich mich als konfliktscheu bezeichnen.

 

Konflikte gibt es jede Menge in der Tragikomödie. Wie kamen Sie auf die Idee über einen Musikjournalisten, der nach 25 Jahren entlassen wird und Rache an seinem Chef übt, zu schreiben?

Meine erste Idee war, dass jemand arbeitslos wird, der im gleichen Milieu wie ich selbst lebt. Also jemand aus dem Mittelstand, der im Allgemeinen eher angepasst ist. Und durch die Entlassung wird etwas in ihm freigesetzt. Er wird zum Wutbürger und reagiert so, wie wir politisch korrekten Bürger es eher bei jemandem aus der Unterschicht vermuten würden.

 

Der Vandalismus ihrer Hauptfigur trägt komische Züge. Wie wichtig ist Ihnen Komik?

Komik ist für mich kein Ziel an sich, sondern vielmehr eine Begleiterscheinung, die automatisch passiert, wenn ich etwas schreibe. Ich schreibe keine Witze, sondern eine Geschichte. Dass etwas komisch ist, merke ich daran, wenn ich beim Hinschreiben selbst lachen muss.

 

Man kauft Ihnen den hilflosen, zornigen Rausch Ihrer Hauptfigur zu 100 Prozent ab. Haben Sie eigentlich eine Schauspielschule besucht?

Ich habe bei Herwig Seeböck Unterricht genommen, wie auch meine Kabarettkollegen Alfred Dorfer und Roland Düringer. Seeböck war ein großer Schauspieler und hat sich sehr intensiv mit den amerikanischen Schauspielmethoden beschäftigt. Da geht es darum, dass alles aus einer Entspanntheit herauskommt und aus dem Hinhören auf den Partner. Würde ich Theater spielen, wäre ich mit dem, was ich kann, heillos überfordert, aber für Kabarett und Film funktioniert diese emotionale Technik.

 

Wie recherchieren Sie für Ihre Drehbücher, Ihre Rollen?

Weil ich prinzipiell faul bin, recherchiere ich sehr ungern. Ich schöpfe vielmehr aus meinem Leben bzw. aus dem Leben der Menschen, die ich kenne. Bei „Komm, süßer Tod“ profitierte ich von meiner Zeit als Zivildiener bei der Rettung. Bei „Wilde Maus“ verarbeitete ich die Erfahrungen etlicher Bekannter, die Journalisten sind und inzwischen für immer weniger Geld immer mehr arbeiten müssen, sofern ihr Arbeitsplatz nicht schon eingespart wurde.

 

Als ich „Wilde Maus“ sah, ist mir aufgefallen, dass es viel ums Älterwerden geht.

Für mich ist „Wilde Maus“ eine Satire über die Mittelschicht, über die typische Stimmungslage heute. Natürlich spielt das Thema Alter dabei eine Rolle, denn nie zuvor hat sich eine ganze Generation so gegen das Älterwerden gewehrt. Vielen geht es heute um die ewige Jugend, sie ziehen Sachen an, die für viel Jüngere gedacht sind, versuchen sich mit Sport und Ernährung jung zu halten. Darum wirken Frauen und Männer, die die 40 überschritten haben, heute oft so sehr angestrengt. Es geht aber auch um die politische Resignation, Nachrichten von Terror laufen wie ein Klangteppich im Hintergrund, lösen nichts mehr aus. Und dann thematisiere ich die allgegenwärtigen Beziehungsprobleme. Denn diese Probleme werden heute als etwas Hippes empfunden, das man kultiviert.

 

Der Prater spielt eine wichtige Rolle als Gegenwelt.

Beim Schreiben habe ich mir überlegt, wie ich möglichst viel Abwechslung zwischen den Szenen erzeugen kann. Und da ist mir sofort der Prater eingefallen. An den Ort, an dem mit Abstand die scheußlichste Musik gespielt wird und der so a bisserl wie eine Insel in Wien ist, mit eigenen Gesetzen und einer ganz eigenen Ästhetik, schicke ich meine Hauptperson, den Kritiker für klassische Musik.

 

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, Sie wären gerne „ein wilder Hund“. Passt die „wilde Maus“ besser zu Ihnen?

Bei mir schaut das so aus, dass ich immer einen relativ wilden, also kritischen Text schreibe, den dann aber auf der Bühne so spiele, dass trotzdem alle begeistert sind, ich nicht wirklich anecke. Ich bin wirklich eher eine wilde Maus.

 

Sie füllen Kabarett- und Kinosäle. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Durch Arbeit. Denn wenn ich etwas schreibe, dann arbeite ich sehr lange daran, weil ich beim Schreiben zum Tüftler werde. Und wenn ich am Abend spiele, hab´ ich hohen Respekt davor, dass so viele Leute ihre Eigenheime verlassen haben und Eintritt bezahlen. Deswegen versuche ich jeden Abend alles zu geben, was möglich ist. Denn eigentlich bin ich ein Mensch, der viel Angst hat – auch Angst vorm Scheitern.

 

Macht Erfolg denn nicht immun gegen Versagensängste?

Überhaupt nicht. Erfolg macht eigentlich fast gar nichts mit mir. Das einzige, was er macht, ist zusätzliche Arbeit. Aber ich will nicht kokett sein und sagen, dass mir Erfolg lästig ist, ich kann ihn nur nicht genießen.

 

In „Wilde Maus“ lernen Sie schießen, prügeln sich, wollen sich das Leben nehmen, laufen fast nackt durch den Schnee. Wie weit gehen Sie für eine Rolle?

Wenn mich das Buch überzeugt, gehe ich als Schauspieler immer soweit, wie ich kann. Diese Hingabe erfüllt mich, wie mich die gesamte Arbeit mit dem Team an diesem Film erfüllt hat. Währenddessen war es natürlich auch anstrengend, aber es war eine großartige, intensive, schöne Zeit. Das ist es, was ich wirklich genießen kann.

 

 

Info:
Josef Hader (Jahrgang 1962) ist seit seinem Durchbruch in den 1980-er Jahren (u.a. Deutscher Kleinkunstpreis) einer der bekanntesten österreichischen Kabarettisten. Als Schauspieler und Drehbuchautor setzte er in „Indien“ Maßstäbe, wie verdichtet eine gute Geschichte erzählt werden kann. Der Film hat heute Kultstatus. Es folgten eindrucksstarke Rollen, u.a. als Simon Brenner in den Brenner-Krimis und als Stefan Zweig in „Vor der Morgenröte“, und Filme, in denen er die Hauptrolle spielte und das Drehbuch schrieb, wie „Komm, süßer Tod“, „Silentium“ oder „Das ewige Leben“. Bei „Wilde Maus“ führte er erstmals auch Regie. Nach wie vor ist Josef Hader auch als Kabarettist on tour. So ist er mit seinem Programm „Hader spielt Hader“ u.a. am 26. Mai im Hochschloss Stein an der Traun zu sehen und am 27. Mai im beheizten Festzelt beim Dinzler am Irschenberg.

Unbedingt empfehlenswert!

 

 

Raphaela Kreitmeir

 

 Ludwig Ausgabe März 2017

 

 

Fotos:

Foto 1/Teaser: Copyright Lukas Beck / Majestic

 

Foto 2: Josef Hader im Gespräch mit der LUDWIG-Redakteurin Raphaela Kreitmeir

 

Foto 3: Wenn die Welt nach der Kündigung aus den Fugen gerät... Josef Hader in der Wilden Maus am Prater
Copyright: Petro Domenigg / Majestic

 

Foto 4: Hader entdeckt die raue Welt des Praters
Copyright: Ioan Gavril / Majestic

 

Foto 5: Josef Hader geht für seine Rollen, soweit er kann, auch wenn´s bitterkalt ist
Copyright: Wega Film / Majestic