Es rumpelt im Karton

Irgendwo zwischen gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre und derber Raucherspelunke lässt sich der Sound der Vero Reiser & The Pretty Damn Amazing aus Bad Aibling einordnen. Die Musiker selbst bezeichnen ihren bunten Mix aus Jazz, Soul und Americana als „Gypsycana“ oder „Rumpeljazz“. Wie auch immer man es nennen mag: Die Musik von Sängerin Vero, Bassistin Betty, Gitarrist Lex und Drummer Paul klingt ziemlich erfrischend und einzigartig. Im Interview erzählt Frontfrau und Songschreiberin Vero Reiser von ihrem kommenden Debüt und warum sie es gern anders macht als die anderen.  


Seit wann gibt es deine Band?
Die Vero Reiser Band besteht seit 2017, in der aktuellen Besetzung seit November 2018. Damals kam Betty spontan zu Probeaufnahmen dazu und es hat sofort super gepasst. Den Kontrabass brauchte unsere Gruppe noch, er gibt unserem Sound eine ganz eigene Farbe.

Woher stammt deine Passion für Musik und Gesang?
Ich war auf einem musischen Gymnasium. Dort wurde der Grundstein für mein Interesse an Musik gelegt. So richtig angefangen zu singen habe ich erst durch meine Oma. Mit 16 habe ich zwei Jahre lang in ihrem Frauenchor die zweite Stimme mitgesungen. Eine sehr schöne Zeit. Nach jedem gelungenen Auftritt gab es ein Likörchen. Später durfte ich dann ab und zu in der Band „Group Therapy“ meines Gitarristen Lex mitsingen. Das war für mich immer das Allerschönste. So kam alles nach und nach ins Rollen. Irgendwann habe ich meine ersten eigenen Lieder geschrieben und zusammen mit Lex an der Umsetzung gearbeitet. Er war und ist eine treibende Kraft. Wir nennen ihn gerne „Herr Kapellmeister“, weil er das große Ganze sieht und den Sound schon vorab im Kopf hat. Aber natürlich ist jeder unabkömmlich. Ich glaube, keiner von uns hat dieselbe Vorstellung von dieser Band und genau das macht uns aus.

Was ist dir beim Songwriting besonders wichtig?
Ich versuche, meine Inhalte nicht plakativ, sondern lieber etwas metaphorischer und über mehrere Ecken zu vermitteln. Ich mag es da indirekt und subtil, einfach ein bisschen anders. Wenn ich mir heute einige meiner älteren Texte nochmal durchlese, muss ich schon manchmal schmunzeln. Das erste Lied, bei dem ich wirklich gespürt habe, dass es in die richtige Richtung geht, heißt „The Shipwreck“. Der Song klingt irgendwie nach einem großen Schiff, das langsam heran walzt. Eigentlich kann man ihn als Ursprung unseres Sounds bezeichnen. Deswegen wird er auch auf der kommenden EP zu hören sein.

Was kannst du noch zu eurer EP verraten?
Sie wird „Pretty Damn Amazing, Too“ heißen, nach einer Textzeile von „The Shipwreck“. Wir haben die CD im Laufe zweier Wochen in Bad Aibling im Tonstudio unseres Bekannten Ralf Müller aufgenommen. Ein weiterer Bekannter, Andy Schechinger, hat sich dann um das Mastering und den Mix gekümmert. Es werden sechs Songs darauf sein, die schön dreckig rumpeln.

Wie viel Perfektionismus steckt in dir?
Ich mag es schon gerne zu 100 Prozent richtig machen. Aber ich denke, ich kann auch loslassen, wenn es wirklich sein muss. Das wäre jetzt meine ehrliche Einschätzung.

Wie würdest du euer Genre beschreiben?
Für die Begrifflichkeiten ist Paul zuständig. Inzwischen sind wir bei „Gypsycana“ – also einer Mischung aus Gypsy und Americana – und Rumpeljazz angekommen. Niemand weiß genau, was das heißt, aber man kann sich trotzdem etwas darunter vorstellen.

Ist das nicht ein ungewöhnlicher Stil für so junge Musiker?
Irgendwie schon. Das rührt wohl daher, dass ich relativ intuitiv an Musik rangehe ohne ein gewisses Konzept im Kopf. Ich höre Verschiedenes und bin sehr offen, auch wenn ich eine große Zuneigung gegenüber Jazz und Classic Rock hege. Beim Stil ist Lex wieder sehr wichtig: Ich schreibe die Lieder mit meiner Akustikgitarre, er und die Band entwickeln dann die passende Umsetzung dazu.

Ist Experimentierfreudigkeit befreiend oder baut sie Druck auf?
Beides trifft zu. Man fühlt sich frei, weil man sich selbst keine Grenzen setzt. So können einen auch die Hörer nicht auf einen einzigen Stil festnageln. Andererseits möchte man natürlich immer einen draufsetzen. Darüber vergisst man leicht, dass „ganz normal“ auch mal schön sein kann.

Wie viel Geschichtenerzählerin, wie viel Musikerin steckt in dir?
Wahrscheinlich überwiegt die Erzählerin. Ich erzähle zwar nicht immer von mir, spinne jedoch gerne diverse Handlungen aus kleinen Beobachtungen weiter. Die Lyrics müssen dabei nicht unbedingt auf einer wahren Begebenheit beruhen. Grundsätzlich bin ich da wirklich offen, aber momentan singe ich lieber selbstgeschriebene Texte, weil ich mich mit dem Inhalt identifizieren können möchte.

Eure Musik klingt nach Großstadt. Warum bevorzugst du deine Heimat?
Wir haben das Glück, dass um Aibling herum musikalisch sehr viel los ist. Das merkt man auch daran, dass Außenstehende immer wieder über die künstlerische Vielfalt staunen, die hier auf engstem Raum entsteht. Es gibt einige zentrale Musiker wie beispielsweise Danny von den Raygun Rebels, die echt viel organisieren und schaffen. So entsteht ein starker Zusammenhalt. Man lernt ständig neue Leute kennen und entdeckt interessante Querverbindungen und Möglichkeiten. Man möchte ja, dass die eigene Musik gehört wird und das funktioniert trotz oder gerade wegen unserer kleinstädtischen Verwurzelung ziemlich gut. Ich bin zwar gern unterwegs, aber Bad Aibling ist und bleibt meine Homebase.


-- Foto: Chris Pham --